Chalo sansad! Ist eine Form des Protestes, bei dem der Unmut über Missstände auf die Straße, vor das indische Parlament getragen wird, mit möglichst vielen Menschen. Einer der Nichtteilnehmer am Montag, dem 20.07.2026 in Delhi ist ein gewisser Sonam Wangchuk, der seit Wochen einen unbegrenzten Hungerstreik angetreten hat und fürsorglich in ein Krankenhaus gebracht wurde. Derweil vergrößert sich die Menge hauptsächlich jugendlicher Demonstranten, die natürlich von mehreren Oppositionsparteien unterstützt werden, um den Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan zu erzwingen. Was geschieht, um die enttäuschte indische Jugend zu besänftigen?
Stein des Anstoßes sind geleakte Testdaten, die frei verkäuflich im Internet angeboten wurden, und zwar für die besonders begehrten Studienplätze im Bereich der Medizin und der Ingenieurswissenschaften. So nehmen z.B. am Eingangstest für Medizin (NEET) jedes Mal 2 Millionen Menschen teil. Das sind freilich etwas mehr als die drei Idioten, die in Bollywood die Unmöglichkeiten des indischen Bildungssystems schon 2009 auf die Schippe genommen haben. Allerdings ist es eine bittere Realität, dass die hoffnungslose Situation schon viele Studierende in den Suizid getrieben hat.
Bekannte Akteure melden sich zu Wort, so Anna Hazare, dessen Hungerstreiks noch vielen in Erinnerung sind, gegen die Korruption, was immerhin einer neuen Partei zur Geburt verhalf, die die damalige Regierungspartei in Delhi komplett weggefegt hat. Die neue Partei war die AAP, die alte die NCP. Jetzt ist die National Congress Party natürlich auf der anderen Seite, gegen die Regierungspartei, die BJP, die öfters als man vermuten würde nur als lachender Dritter punktet. Aber das reicht nun mal in einer nichtrepräsentativen Mehrheitswahlrechtdemokratie. Die zweiten und dritten Stimmen gehen verloren, neben den ohnehin verlorenen Stimmen.
Der Ärger ist echt. Warum soll man studieren, sich bemühen, wenn die garantierte Chancengleichheit eine Farce ist, wenn ein Studium nur für einen beknackten, unterbezahlten Praktikantenjob taugt? Warum soll man mit einer Million anderer an einem Eingangstest für ein Medizinstudium (NEET) teilnehmen, bei dem unmögliche Punktzahlen erreicht werden, weil man die Prüfungsergebnisse im Darknet gekauft hat? Ist Bildung nur gut, wenn es Kapital reproduziert?
Die Proteste haben einige Brisanz. In Regierungskreisen fürchtet man das Vorbild Nepal, wo die Jugend die Regierung gestürzt hat, die Wirtschaft ist durch die Blockade in Hormus angeschlagen, PM Modi und die BJP mit ihrer Viksit Bharat Vision haben in der Jugend die Erwartungen nicht erfüllt, so dass sie sich nach anderen Parteien umsieht wie in Tamil Nadu. Alle Demonstranten in Busse zerren und wegfahren kann nicht die einzige Strategie sei. Auf die Jugendlichen mit Lathis einprügeln auch nicht, wie Oppositionsführer Rahul Gandhi vor Ort betonte. Der Gründer der CJP, Abhijit Dipke, ist inzwischen auch in Delhi und hat auch schon einige Tage gefastet. Der Kolumnist Kamlesh Singh traut ihm einiges zu, weist aber darauf hin, dass über ihn eigentlich recht wenig bekannt ist, da er noch nicht politisch in Erscheinung getreten ist. Auch deswegen ist die Verbindung zwischen ihm und Sonam Wangchuk so wichtig. Sonam Wangchuk ist ein bekannter Klimaaktivist, die Leute kennen und vertrauen ihm. Erst Sonam Wangchuk verlieh dem ganzen mit seinem Hungerstreik eine Art Legitimation, rückte damit die Anliegen der Studierenden in das Zentrum des öffentlichen Interesses. Doch konnte er damit noch lange nicht die Direktiven vorgeben oder ansagen, wo es langgeht. Deswegen ging der Protest auch gegen seinen Willen weiter.
Die Opposition positionierte sich. Die Shiv Sena (UBT), die besonders unter einer übergriffigen BJP zu leiden hatte, sprach schon von einer Revolution. Rahul Gandhi war in Delhi bei den Studentinnen und Studenten, es gab unzufriedene Bauern, die sich den Protesten anschlossen. So stellte sich eigentlich nur die Frage, wann man in Delhi einlenkt und den Verantwortlichen im Bildungsministerium durch eine geeignetere Person ersetzen würde. Dann könnte man vielleicht dazu übergehen, an den Strukturen zu arbeiten, die der indischen Jugend tatsächlich eine Perspektive eröffnet. Aber das ist alles andere als leicht. Dharmendra Pradhan ist nicht nur Bildungsminister, sondern war schließlich auch schon mal Sekretär des Akhil Bharatiya Vidhyarthi Parishad, der Studentenorganisation des RSS. Sich gegen ihn entscheiden heißt sich gegen seinen Schatten stellen, und zwar mit dem RSS, der mächtigsten Freiwilligenorganisation der Welt. Das muss nicht nur gut, sondern sogar optimal kommuniziert und exekutiert sein, in einer Lage, in der der RSS dem unglaublichen exponentiellen Wachstum der BJP in den letzten Jahren sowieso nur noch mit Misstrauen begegnet. Der Ärger im Bildungsministerium ist übrigens nicht neu, sondern begleitet die Regierung Modi 3.0 seit ihrer Aufstellung 2024, als geleakte Examen auch schon Polizei und CBI auf den Plan riefen.
Auch aus der eigenen Hood des Bildungsministers, aus Odisha, gab es Wortmeldungen. So forderte der Biju Janata Dal Präsident und ehemalige CM Naveen Patnaik am Dienstag bharatseinen Rücktritt.
Am Samstag, dem 25.07.2026 war es dann tatsächlich soweit: Bildungsminister Dharmendra Pradhan reichte seinen Rücktritt ein. Abhijit Dipke ließ es sich nicht nehmen, auf dem Jantar Mantar unter dem Jubel der Menge den Sieg zu erklären. Und den Protest für beendet.
Offenbar hofft man in der Regierung, dass jetzt bis auf weiteres alle „Kakerlaken“ wieder dahin zurückkriechen, wo auch immer sie hergekommen sein mögen.
Möglich, denn: Alles ist möglich!
bharat@metaxy.de
https://frontline.thehindu.com/politics/modi-cjp-protest-analysis/article71245978.ece
https://frontline.thehindu.com/politics/neet-ug-youth-protests/article71257397.ece