Indiens Kurs im Irankrieg ist dieser Tage schwer zu beschreiben. Zum einen steht PM Modi in der öffentlichen Wahrnehmung wie der dritte im Bunde an der Seite der Aggressoren da, zum anderen gibt es persönliche Kontakte auf höchster Ebene, mit allen Golfmonarchien und auch den verbliebenen Machthabern im Iran. Im Gespräch mit den Herrschern am Golf werden die iranischen Angriffe verurteilt, im Gespräch mit den iranischen Machthabern werden Gas- und Öltanker freigesprochen. Es sind immerhin noch über 20, die vor der Straße von Hormuz festsitzen. Man will offenbar niemanden verprellen und irgendwie heil durch den Versorgungsengpass in der heimischen Versorgung mit Liquified Petroleum Gas, LPG-Zylindern kommen, die in der dritten Kriegswoche in einigen Teilen Indiens nur noch unter Polizeischutz aufrecht erhalten werden kann.
Genau genommen läuft es bis jetzt wie ein Geiselaustausch ab – nur das keine Personen ausgetauscht werden, sondern ganze Schiffe! So stellt sich die Lage am 20.3.2026 dar: Das iranische Kriegsschiff IRIS Lavan liegt in Indien vor Anker, die IRIS Dena wurde versenkt, drei iranische Frachtschiffe wurden schon im Februar in Mumbai festgesetzt und sollen offenbar zurückgegeben werden, offenbar im Austausch für drei unter der Woche heimgekehrte Tanker, deren Besatzungen bei der geglückten Heimkehr als Helden empfangen wurden. 22 Tanker warten noch vor der Straße von Hormuz mit über 600 Seeleuten an Bord.
Gleich zu Beginn der Angriffe hatte Iran Indien um Erlaubnis gebeten, insgesamt drei iranische Kriegsschiffe im indischen Kochi vertäuen zu dürfen, die als Gäste der indischen Marine an Übungen teilgenommen hatten. Dieser Bitte wurde aus humanitären Gründen entsprochen. Warum die IRIS Dena sich dennoch nach Sri Lanka aufgemacht hat und auf dem Weg versenkt wurde, ist bisher nicht befriedigend beantwortet. Über 80 Marinesoldaten fanden bei dem Angriff durch ein US-Atom-Uboot den Tod, die Überlebenden wurden von der Marine Sri Lankas geborgen.
Bei den drei heimgekehrten Tankern handelt es sich um zwei Gas- und einen Öltanker. Am 18. März erreichte der indische Öltanker Jag Laadki mit über 80000 Tonnen crude oil den Hafen von Mundra in Gujarat. Die LPG-Tanker Nanda Devi konnte schon am 17. in Gujarat anlegen, die Shivalik sogar einen Tag früher. Beide zusammen lieferten über 90000 metrische Tonnen Gas. Immerhin sichert eine Tankerladung die indische LPG-Versorgung für einen Tag. Die Schiffe wurden von Einheiten der indischen Marine eskortiert, und zwar nicht, um der Forderung des US-Präsidenten zu entsprechen, sondern im Rahmen der Operation Samkalp, die schon seit 2019 läuft und die zivile Schifffahrt gegen Angriffe der Huthis schützt.
Indien hatte sich erstaunlich unberührt vom Tode des iranischen Revolutionsführers Khamenei gezeigt. Ein Staatssekretär kondolierte, nicht der Außenminister Jayshankar. Der war noch 2024 persönlich in der iranischen Botschaft erschienen, um sich in das Kondolenzbuch für den verstorbenen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi einzutragen. Für den bekannten indischen Kongresspolitiker und Buchautoren Shashi Tharoor wieder mal eine gute Gelegenheit, sich zwischen seiner Partei und der Regierung zu positionieren – man hätte kondolieren können, ohne die Angriffe zu verurteilen, aus Staatsräson, eine Kongress-Regierung hätte das auch nicht anders gemacht!
PM Modi war nur zwei Tage vor Beginn der Angriffe in Israel gewesen und wurde dort mit allen Ehren empfangen. Dieser unzeitgemäße Besuch wurde von der indischen Opposition und auch in der Presse stark kritisiert. Gerade im Süden Indiens vermutet man sogar eine komplette Neuausrichtung der indischen Außenpolitik, weg von einer als moralische Instanz wahrgenommenen indischen Position auf Seiten des Globalen Südens hin zu einer Beteiligung in einer unheiligen Allianz von Antiislamisten. Da gibt es starke Worte gegen den noch amtierenden US-Präsidenten und seine quasiimperialistische Übergrifflichkeit. „Modi has transformed India from voice of the Global South into echo of American imperialism, from independent power to subordinate partner, from champion of the oppressed to accomplice of the oppressors“, urteilt etwa der Kolumnist Anand Teltumbde in südindischen Magazin Frontline.
Man vermisst auch klare Worte über die Kriegsverbrechen, die US-Streitkräfte im Iran begangen haben, übrigens nicht nur von der eigenen Regierung, sondern auch aus Europa. Namentlich wurde Ursula von der Leyen eine fehlende Empathie attestiert. Die Schule in Minab wurde nicht nur einmal, sondern sogar zweimal von einer Tomahawkrakete getroffen, das zweite Mal mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa 40 Minuten, als sich die überlebenden Kinder gerade für eine Flucht versammelten.
Anfang März wurden zunächst bilaterale Gespräche mit den Vertretern der Golfstaaten geführt, in denen die iranischen Angriffe verurteilt wurden und die Gefährdung der vielen Inderinnen und Inder, die in der Region leben und arbeiten, Gegenstand der Gespräche gewesen sein dürften – allein in Saudi-Arabien und den Emiraten mehrere Millionen. Leider gibt es auch schon Tote zu beklagen, in Saudi Arabien ist ein indischer Staatsbürger unter nicht näher bestimmten Umständen zu Tode gekommen.
Indiens Hauptsorge gilt jedoch der Versorgung seiner Bevölkerung mit LPG-Gas-Zylindern, deren Gas hauptsächlich (zu 90 Prozent) aus der Golfregion bezogen wird, zum Kochen in Haushalten oder auch in Restaurants. Die indische Regierung rationierte und organisierte umgehend die Versorgung mit LPGs, und bietet nun über die indischen Bundesstaaten alternative Gaslieferungen (PNG) an, wenn entsprechende Netze vorhanden sind. Priorität hat die Versorgung der privaten Haushalte, andere Nutzer wie Restaurants mussten dagegen schließen, wenn sie nicht auf die oben genannten anderen Wege der Gasversorgung ausweichen konnten. Und die Gasversorgung wird auf jede nur erdenkliche Weise erweitert!
Nach Rückkehr der drei indischen Tanker wurde bekannt, dass es Gespräche über nun sogar 6 weitere LPG-Tanker gibt, vielleicht wieder nach bekanntem Muster, zwischen den Außenministern Abbar Araghchi und S.Subrahmanyam Jaishankar oder Prime Minister Narendra Modi und dem iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian. Der Außenminister stellte öffentlich nach dem ersten Deal grundsätzlich klar, dass um jedes Schiff einzeln verhandelt werden muss.
Es sind derzeit nicht viele, die überhaupt die Straße von Hormuz passieren durften, neben Indien nur noch China, die Türkei und Pakistan. Aber es ist offensichtlich möglich, mit der iranischen Seite zu verhandeln. Offiziell liest sich das natürlich anders. Als sich der iranische Botschafter in Indien, Mohammad Fathali, bei der indischen Regierung für den „humanitarian support“ im Falle der IRIS Lavan bedankte, sprach er darüber hinaus von „wertvoller Unterstützung und Kooperation“ und auch „konstruktiven Beziehungen“ zwischen beiden Ländern.
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https://www.aljazeera.com/opinions/2026/2/26/who-is-really-safe-in-india-and-israel