Es ist 1.04 am frühen Morgen des 7.Mai 2025, über zwei Wochen nach dem Terrorakt in Pahalgam, als Storm Shadow- Raketen und Hammer-Präzisionsbomben in 9 verschiedenen, explizit nicht-militärischen Zielen einschlagen, die sich nicht nur im pakistanisch besetzten Teil von Kaschmir, sondern auch im Mutterland des Terrors befinden. In den folgenden 25 Minuten finden bis zu Hundert Menschen den Tod. Nach offizieller indischer Lesart wurden 80 bis 90 „Terroristen neutralisiert“, viele davon im pakistanischen Bahawalpur und Muridke. In der folgenden Pressekonferenz erläutern neben Vikram Misri aus dem Außenministerium zwei weibliche Offiziere, Wing Commander Vyomika Singh und Lieutenant Colonel Sofiya Qureshi, die lang erwartete Reaktion des indischen Militärs, Operation Sindoor, und unterstreichen allein mit ihrer Präsenz die symbolische Dimension dieser Operation, deren Name „Zinnober“ sich an den farbigen Tika anlehnt, den verheiratete Hindu-Frauen auf der Stirn tragen. Die Offiziere sind in Indien bekannt, Sofiya Qureshi auch international, aus ihrem Einsatz 2006 bei der Friedensmission im Kongo und erste Frau, die ein Armeekontingent bei einer militärischen Übung führte – Exercise Force 18 fand 2016 im indischen Pune statt, und neben mehreren asiatischen Mächten nahmen auch die USA, Russland, Japan, Australien und Neuseeland teil. Sie berichten im ruhigen, sachlichen Ton, warum genau diese Ziele dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Ein voller Erfolg?
So sieht es die indische Öffentlichkeit, in der auch betont wird, dass es eine Vergeltungsmaßnahme ist, die sich nur auf die Terrorinfrastruktur bezieht und auf gar keinen Fall das pakistanische Militär im Focus hatte. Denn das würde automatisch Krieg bedeuten, und den will keiner – außer vielleicht Asim Munir, der Chef des pakistanischen Militärs. Kritische Stimmen merken jedoch an, dass die Narrative der indischen Regierung etwas einseitig sind – so wird die Region Kaschmir als sicher verkauft und zog allein im letzten Jahr Millionen von indischen Touristen an. Aber wird auch immer das dichte Netz an Sicherheitsvorkehrungen aufrechterhalten, das jeglichem Leben in Kaschmir seit 2019 den Atem zuschnürt? Und was soll die Bulldozer-Politik, mit der alles Mögliche aus dem Weg geräumt wird, z.B. des Terrors verdächtigte Infrastruktur in Kaschmir. Unter den Mördern vom 22.April, die immer noch nicht gefasst wurden, befand sich nach offiziellen Angaben auch ein lokaler Helfer. Diese eine Angabe dient seitdem als Grundlage dafür, alle Häuser von Familien, die möglicherweise schon vor Jahren Mitglieder an den bewaffneten Widerstand für ein unabhängiges Kaschmir verloren haben, dem Erdboden gleich zu machen.
Die Situation ist nicht neu, spitzt sich jedoch dramatisch zu: Erstmals seit 1971, dem zweiten Krieg zwischen Pakistan und Indien, den Pakistan verlor und der zur Geburt eines unabhängigen Bangladesch führte, griff das indische Militär wieder Ziele direkt in Pakistan an. Im Unterschied zu 1971 verfügen jetzt beide Mächte über ein Arsenal von jeweils annähernd 170 Atomsprengköpfen – interessanterweise spricht Pakistan nur von 130, die sich gegen Indien richten. Im Gegensatz zu den jüngeren Terrorakten bis 2019 scheint die Terror-Infrastruktur bis ins Detail bekannt zu sein. Sieht es also so aus, wenn die USA sich zurückziehen und ehemalige Verbündete im Kampf gegen den Terror – in diesem Fall Pakistan – auf sich allein gestellt sind?
Es ist mehr als ein Pokerspiel zwischen PM Modi und Asim Munir, dem Chef des pakistanischen Militärs und mächtigstem Mann in Pakistan, eine Art 3-D-Schach, dessen Folgen niemand voraussehen kann. Aber während PM Modi kaum etwas verlieren kann, ist es schwer zu sagen, was Asim Munir eigentlich gewinnen will. Für die BJP und insbesondere PM Modi ist dagegen alles, was sich erfolgreich gegen Pakistan richtet, ein mediales Plus. Über mögliche Verluste hört man wenig. Die Operation Sindoor, für die er seinen Militärs operative Freiheit gewährt hat, ist somit nicht nur ein nationaler, sondern vermutlich auch internationaler Erfolg – Pakistan ist international isoliert, und die zerstörten Ziele sind vermutlich tatsächlich Terrorcamps, somit die Reaktion im internationalen Vergleich eher maßvoll als eskalierend. Ob und wie viele Zivilisten auch Opfer wurden, wird sich vermutlich so schnell nicht klären lassen. Sämtliche wichtigen Oppositionsparteien stehen geschlossen hinter der Regierung, Shashi Tharoor findet nur lobende Worte für das Vorgehen der BJP-Regierung.
Nur einen Tag später dreht sich die Gewaltspirale immer schneller. Drohnen, die in der Nacht in großer Zahl von Pakistan mehrere militärische Ziele auf indischem Boden angegriffen haben, wurden offenbar erfolgreich vom indischen Abwehrsystem neutralisiert. Nur Stunden später reagiert Indien mit eigenen Drohnenangriffen, die nicht nur militärische Ziele wie das Radarsystem in Lahore lahm gelegt haben sollen, sondern auch im Cricketstadion in Rawalpindi eingeschlagen sind -eine Warnung an den sportbegeisterten Asim Munir, der in Rawalpindi geboren wurde? Die USA empfehlen ihren Bürgern, Lahore zu verlassen. An der Grenze tötet die Artillerie seit Wochen unschuldige Zivilisten, ein Feuer, das offenbar ständig stärker wird und zu Evakuierungen ganzer Dörfer geführt hat. Zuletzt wurden als Reaktion auf Drohnen- und Raketenangriffe „im Hamas-Style“ und Angriffe der pakistanischen Luftwaffe ganze Städte im Punjab und in Rajasthan vorsorglich verdunkelt. Jede Seite will gegnerische Flugzeuge abgeschossen haben.
Aus den Aussagen aller Politiker auf beiden Seiten lässt sich immer wieder heraushören, dass sich alle im Recht glauben, ob nun der indische Verteidigungsminister Rajnath Singh oder der pakistanische PM Shehbaz Sharif. Es fehlt an Empathie für die andere Seite. Die feigen Terroristen, die vor mehr als zwei Wochen 26 Männer kaltblütig erschossen haben. werden sich einen derartig weitreichenden Erfolg ihrer heimtückischen Aktion nicht im Traum vorgestellt haben.
Einen Tag nach der erfolgreichen Operation Sindoor herrscht de facto Krieg zwischen Indien und Pakistan.
War, Power, and the Price of Nationalism: India’s Cycle of Conflict – Frontline
Operation Sindoor – 25 minutes and 9 targets in Pakistan, PoK; 80 terrorists killed – India Today
Operation Sindoor – 25 minutes and 9 targets in Pakistan, PoK; 80 terrorists killed – India Today
Operation Sindoor: Weapons used by India on Rafale jets to hit Pakistan terror camps – India Today
Operation Sindoor is unique. Indian armed forces hit at the heart of Pakistan – India Today
May 7, 2025 India launches attacks on Pakistan after Kashmir massacre | CNN
Blackout in several J&K, Punjab cities as Pak fires missiles: Full list – India Today